Kaffeepause, Schreiballtag
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Warum eine bewusst gewählte Sendepause manchmal die beste Wahl ist

Einigen von euch wird es sicherlich schon aufgefallen sein: Ich bin ungewöhnlich still in letzter Zeit. Twitter, mein liebstes und erstes Sprachrohr in der bunten Netzwelt, wird derzeit nur sehr sporadisch mit Tweets von mir befüllt und Facebook hat mich schon seit einer ganzen Weile nicht mehr gesehen.

Was ist also los? Wo drückt der Schuh?

Im Grunde genommen ist ganz viel los – und eigentlich gar nichts. Manchmal ist einem nämlich die ganze Welt zu viel, obwohl man zu Hause auf seinem Bürostuhl sitzt und eigentlich nichts weiter tun müsste, als einen Buchstaben nach dem anderen in das Manuskript-Dokument zu tippen. Stück für Stück, so wird ein Roman draus.

In meinem Arbeitszimmer sitzt eine kleine Teufelin neben mir und grinst sich hämisch einen, weil ich mich mal wieder habe abholen lassen. Abholen von den ganzen (schrecklichen) Ereignissen da draußen in der großen, weiten Welt, von den Erfolgsgeschichten anderer Autoren, die besser, schneller, geschickter sind als ich und letztendlich sogar von den mir seit Monaten bekannten (aber innerlich vollkommen ignorierten) Sommerferien meiner Kinder.

Es besteht ein Informationsüberfluss; ich selbst bin es, die sich mit Informationen aller Art aus der großen Weite des Netzes überladen hat und jetzt nicht mehr damit zurecht kommt. Wie in einem schlechten Roman habe ich zu viele Fässer auf einmal aufgemacht, ohne wenigstens einige der bestehenden Konflikte vorher gelöst zu haben. Das Resultat: Es ist zu viel von Allem, und deswegen ist gar nichts los.

Information overload sozusagen. Dieser wird getoppt durch zwei Vierjährige, für die ich während der gesamten Ferienzeit ständig da zu sein habe.

Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte mich mein Ehrgeiz an den dunkelblonden Haaren gepackt und mir einen kräftigen Tritt in den Hintern gegeben. Niemals hätte ich mich von meinem Alltag unterkriegen lassen, schließlich führt nur sich durchbeißen zu Ergebnissen und diese zum Erfolg.

Allerdings, und das vergesse ich mit schöner Regelmäßigkeit, ist dieses Jetzt ein anderes als die Vergleichssituation aus der Vergangenheit. Wer kleine Kinder hat, weiß, wie ich das meine: Irgendwann kommt der Moment, an dem sie dir mit einem Lächeln erklären, dass Mittagsschlaf machen nicht mehr zur Debatte steht, weil sie ja schon groß sind. Irgendwann reicht es nicht mehr, zu Hause zu sein und hier Beschäftigung zu finden; nein, sie wollen raus, die Welt entdecken: Waldspielplatz, Fahrrad fahren, eine Tour in die große Stadt (Bremen) machen, wo man Straßenbahn fahren und Boote auf der Weser angucken kann. Das ist es, was sie erleben wollen und wofür sie mich brauchen.

Die Routine von vor gerade Mal zwei Jahren ist nun eine völlig andere, ich finde immer weniger „Zeitnischen“, um mich konzentriert an ein Manuskript zu setzen. Je mehr Aktivität am Tag von mir eingefordert wird, umso müder bin ich am Abend. Das ist auch eine Änderung meiner Tagesroutine: Eigentlich sollte ich abends noch zwei Stunden schreiben (5x 1.500 Worte = 7.500 Worte = 30.000 Worte im Monat), derzeit bin ich froh, wenn ich noch ein Kapitel eines Romans gelesen bekomme, bevor mir teilweise schon um 21:00 Uhr die Augen zufallen.

Erschöpfung? Ja. Wir haben gebaut, sind umgezogen, machen den Garten, werkeln… und haben jeden Tag Alltag mit den Zwillingen.

Ausgebrannt sein? Ganz bestimmt. Kein Mensch kann dauerhaft auf „Superturbo“ laufen, auch wenn das viele – inklusive mir – nicht wahr haben wollen.

Falsche Prioritätensetzung? Vielleicht. Es ist unglaublich schwer, in diesem ganzen Gewühl, welches unser Leben derzeit ist, den roten Faden in der Hand zu behalten.

Sich verzetteln? Mit Sicherheit, sonst stünden hier nicht überall so viele offene Fässer herum.

Desillusion? Leider ja. Ich war Anfang 2015 auf einem richtig guten Weg, mir ein konstantes, wenn auch kleines Einkommen als Schriftstellerin zu „erschreiben“. Die Krönung dessen war ein Verlagsvertrag, den ich mit einem eBook-Verlag geschlossen hatte. Zu blöd, dass ich erst viel zu spät gemerkt habe, wie dieser „Verlag“ wirklich funktioniert.

Wenn also zu viel los ist und doch nichts passiert, dann befindet sich mein Ehrgeiz derzeit wohl zusammen mit meinen Kindern im Sommerurlaub.

Denn neben der kleinen Teufelin habe ich hier scheinbar noch jemanden in meinem Arbeitszimmer sitzen; leider nehme ich sie viel zu selten wahr oder erst dann, wenn ich wegen allgemeiner Überforderung und Übermüdung kurz davor bin, sämtliche Social Media Kanäle, diese Website und überhaupt die „Autorin Anne Colwey“ zu löschen.
Sie heißt Achtsamkeit, ist noch recht neu hier in meiner mentalen Arbeitszimmer-WG und lässt sich wie gesagt, nur selten blicken. Ich nehme an, sie ist von recht schüchterner Natur und traut sich kaum aus sich heraus. Das kann ich ihr nicht einmal verübeln, gerade wenn ich daran denke, welche emotionalen Kämpfe die kleine Teufelin und ich, die Kreative, hier am Schreibtisch austragen.

Die Teufelin will, dass ich meine Ziele nicht erreiche. Deshalb lässt sie mich von einer Idee zur nächsten hüpfen, lässt mich Dinge anfangen, bevor überhaupt der richtige Moment dafür ist. Sie treibt es sogar so weit, mich in einige krasse Luftschlösser bauen zu lassen, nur um mich dann mit großartigem Vergnügen tief fallen zu sehen. Es macht ihr einen Heidenspaß, meine Kreativität erst zu schüren, um mich dann auf halber Strecke stehen zu lassen.
Sie lauert mir auch gerne auf, indem sie mich im Social Media den nächsten Link anklicken lässt (womöglich verpasse ich den Anstoß für die zündende Idee!?); sie ist immer dann zur Stelle, wenn ich einmal in Ruhe arbeiten möchte, wenn zeitgleich die Kinder im Haus sind. Sie liebt es einfach, mich zu quälen.

Hallo, darf ich vorstellen? Ihr Name ist Euphorie.

Die Euphorie will, dass ich mich jeden Tag im Social Media herumtreibe, mich mit noch mehr unnützer Information zumülle. Sie sucht stetig nach dem goldenen Tipp, um zur erfolgreichen Schriftstellerin zu werden, gleichwohl jagt sie den anderen Autoren wie eine Besessene hinterher und vergleicht, was das Zeug hält. Es kann ja nicht angehen, dass diese vielleicht schon längst die beste Social Media Strategie leben, während ich – ja, was eigentlich?
Sie lässt mich mit den kümmerlichen Resten meiner eigenen Energie undiszipliniert ein neues Projekt anfangen, obwohl das andere noch nicht fertig ist, einfach weil sie mir das Neue als Nonplusultra verkauft. Warum sich dann noch mit dem schnöden alten Projekt abgeben?
Die Euphorie war es auch, die mich den Verlagsvertrag unterschreiben lassen hat, ein Schritt, den ich bis heute bereue. Ihr Überschwang hat verhindert, dass ich die Warnzeichen rechtzeitig gesehen habe und mich deshalb sofort mit Händen und Füßen gegen einen Verlagsvertrag dieser Art hätte sträuben müssen. Habe ich aber nicht. Schönen Dank, Euphorie.

Die Euphorie lässt mich vergessen, was eigentlich wirklich wichtig ist. Das macht sie so lange, bis sie sich – und mich gleich mit – vollkommen erschöpft hat. Sie ist mit all ihrem Überschwang also von ziemlich selbstzerstörerischer Natur.

Zum Glück hat die Euphorie meinen gesunden Menschenverstand noch nicht ganz untergraben, der Achtsamkeit sei Dank. Diese traut sich in den letzten Wochen immer häufiger an meine Seite, huscht ins Arbeitszimmer und hinterfragt mehr und mehr, worin in dem, was ich gerade so mache, die Sinnhaftigkeit liegt.

„Ist es sinnvoll, sich vom immer gleichen „Hallo!“ deiner Facebook-Timeline berieseln zu lassen?“
„Ähh, nee, also: Eigentlich nicht, aber …“
„He! Jetzt lass dich doch nicht von der Trulla belatschern! Hast du eigentlich schon diesen Link auf den interessanten Blogartikel gesehen? Den kannst du doch nicht verpassen!“
„Ja, aber …“

„Glaubst du ernsthaft, dass es sinnvoll ist, schon wieder ein neues Projekt anzufangen? Hier liegen bereits drei unfertige Romane!“
„Natürlich ist das nicht so optimal, aber ich hab das Gefühl, dass es bei diesem besser / anders / toller wird.“
„Siehste, Achtsamkeit: Anne weiß genau, dass diese neue Idee die bessere ist. Also, leg los, das wird DAS Projekt, versprochen!“
„Ja, Moment, so hab ich das jetzt auch nicht gemeint. Ich weiß nicht …“

„Worin liegt eigentlich der Sinn in deinem ständigen Vergleich mit anderen? Was glaubst du, erreichst du damit?“
„Eh–“
„Jetzt hör mal! Natürlich dient das dem Ansporn! Wenn eine andere Mutter von 2 / 3 / 4 Kindern eine erfolgreiche Autorin sein kann, dann kann unsere Anne das schon lange!“

Im Augenblick ist es vielleicht ganz gut, dass sich mein Ehrgeiz zusammen mit den Zwillingen im Sommerurlaub befindet. So hat nämlich die Stimme der Achtsamkeit eine reelle Chance, gehört und auch verstanden zu werden. Tatsächlich erlaube ich ihr, mehr über mein Handeln zu bestimmen und ziehe mich deshalb in diesen Tagen aus der Netzwelt zurück.

Die übereifrige Euphorie bekommt durch meinen gegenwärtigen Mangel an Ehrgeiz einen derartigen Dämpfer verpasst, wie sie ihn wahrscheinlich noch nie erlebt hat.

Wenn man Gefahr läuft, den Fokus auf das Wesentliche zu verlieren (oder gar schon verloren hat), dann ist eine Abkehr vom Gegenwärtigen oftmals der einzige und beste Weg, sich wieder zurück ins Lot zu bringen, auch wenn das bedeutet Abstriche zu machen.

Es ist okay.

Es ist vollkommen okay, die Sommertage mit den Zwillingen zu genießen und das Netz eben das … Spinnennetz sein zu lassen, in welches man sich so gut einfangen lassen kann. Und es ist für den Moment auch in Ordnung, sich keinen Kopf mehr zu machen, welches der unfertigen Manuskripte die höchste Priorität bekommen sollte. Facebook darf eben Facebook ohne mich sein und momentan auch bleiben, das Gleiche gilt für Twitter und Google+.

Es fühlt sich im Moment einfach richtig an loszulassen, also mache ich es. Dieses Mal hat die Achtsamkeit den ewigen Machtkampf um mein kreatives Ich klar gewonnen.

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